
warum mittelmäßige Mitarbeiter bevorzugt werden
Die stille Selektion: Warum gute Mitarbeiter gehen und mittelmäßige bleiben
Wie unbewusste Führung Muster erzeugt, Potenzial zerstört und Unternehmen von innen schwächt
Fast jedes Unternehmen kennt dieses Phänomen:
Die leistungsstarken, reflektierten und engagierten Mitarbeitenden gehen – oft leise, ohne Drama. Zurück bleiben jene, die sich anpassen, wenig hinterfragen und selten anecken. Offiziell spricht man von Marktbewegungen, neuen Chancen oder mangelnder Loyalität. Inoffiziell bleibt ein diffuses Gefühl zurück: Irgendetwas stimmt hier nicht.
Die Wahrheit ist unbequemer. Gute Mitarbeiter gehen nicht, weil sie illoyal sind. Sie gehen, weil sie in Systemen arbeiten, die Entwicklung versprechen – aber Anpassung belohnen. Und genau hier beginnt die stille Selektion.
Ein bekanntes Rätsel – falsch erklärt
Wenn Führungskräfte darüber sprechen, warum Leistungsträger das Unternehmen verlassen, klingen die Erklärungen oft ähnlich. Man habe alles geboten. Gute Bedingungen. Faire Bezahlung. Entwicklungsmöglichkeiten. Und dennoch seien sie gegangen. Was folgt, ist meist ein Schulterzucken – oder der schnelle Verweis auf äußere Umstände.
Was dabei selten hinterfragt wird, ist das eigene Führungsverhalten. Nicht in Form von Methoden oder Kommunikation, sondern auf einer tieferen Ebene: der inneren Haltung gegenüber Kritik, Widerspruch und Entwicklung. Denn genau dort entscheidet sich, ob gute Mitarbeiter bleiben – oder innerlich wie äußerlich gehen.
A-, B- und C-Mitarbeiter – ein altes Modell mit neuer Bedeutung
In vielen Organisationen wird zwischen A-, B- und C-Mitarbeitern unterschieden. A-Mitarbeiter gelten als leistungsstark, eigenständig, klar im Denken und hoch engagiert. B-Mitarbeiter erfüllen ihre Aufgaben solide, während C-Mitarbeiter eher verwalten als gestalten.
Theoretisch sollten Unternehmen alles daransetzen, A-Mitarbeiter zu halten, zu fördern und zu entwickeln. Praktisch passiert in vielen Organisationen jedoch das Gegenteil. Nicht offen, nicht bewusst – aber systematisch.
Die stille Verschiebung der Bewertungskriterien
Was ich in zahlreichen Gesprächen, Coachings und Beobachtungen erkannt habe, ist ein Muster, das sich quer durch Branchen zieht: Leistung ist nicht das entscheidende Kriterium für Anerkennung und Sicherheit. Anschlussfähigkeit ist es.
A-Mitarbeiter zeichnen sich dadurch aus, dass sie Dinge sehen, die andere übersehen. Sie sprechen Probleme an, bevor sie eskalieren. Sie hinterfragen Prozesse, Entscheidungen und Richtungen – nicht aus Rechthaberei, sondern aus Verantwortungsbewusstsein. Genau das macht sie wertvoll. Und gleichzeitig gefährlich für Systeme, die auf innerer Unsicherheit beruhen.
Wenn Kritik zur Bedrohung wird
Viele Führungskräfte sagen, sie wollen Feedback. Und sie meinen es sogar ehrlich – solange dieses Feedback das bestehende Weltbild nicht infrage stellt. Kritik, die Details betrifft, ist willkommen. Kritik, die Grundannahmen berührt, wird unbewusst abgewehrt.
Hier entsteht ein psychologischer Kipppunkt. Die Führungskraft identifiziert sich nicht mehr nur mit ihrer Rolle, sondern mit ihrer Sichtweise. Wer diese Sichtweise infrage stellt, stellt – aus ihrer inneren Logik heraus – sie selbst infrage. Kritik wird dann nicht mehr als Impuls zur Verbesserung erlebt, sondern als Angriff auf die eigene Identität.
Die unbewusste Bevorzugung der Anpassung
Parallel dazu entwickeln sich andere Dynamiken. Mitarbeitende, die wenig hinterfragen, Zustimmung signalisieren und sich der bestehenden Ideologie unterordnen, werden als „angenehm“, „loyal“ oder „unkompliziert“ wahrgenommen. Ihre mittelmäßige Leistung fällt weniger ins Gewicht als ihre emotionale Stabilisierung des Systems.
Diese Mitarbeitenden werden nicht bevorzugt, weil sie besser sind – sondern weil sie Sicherheit geben. Sie fordern keine Veränderung. Sie spiegeln das Weltbild der Führungskraft. Sie bestätigen, dass alles im Grunde richtig läuft.
So entsteht eine stille Allianz: Anpassung gegen Sicherheit.
Die schleichende Entwertung der Leistungsträger
A-Mitarbeiter spüren diese Dynamik sehr früh. Sie merken, dass ihre Impulse zwar angehört, aber nicht umgesetzt werden. Dass ihre Kritik relativiert wird. Dass ihre Kompetenz infrage gestellt wird – oft subtil, selten offen. Aussagen wie „Du siehst das zu kritisch“ oder „Du musst das größere Ganze verstehen“ sind keine Argumente. Sie sind Abwehrmechanismen.
Mit der Zeit entsteht Frustration. Nicht, weil A-Mitarbeiter nicht gehört werden wollen, sondern weil sie nicht wirksam sein können. Und Wirksamkeit ist für Leistungsträger ein zentraler Motivator. Bleibt sie aus, ziehen sie Konsequenzen.
Die stille Transformation von A zu B – und weiter zu C
Nicht jeder gute Mitarbeiter kündigt sofort. Viele passen sich an. Sie reduzieren ihr Engagement. Sie hören auf, Dinge anzusprechen. Sie liefern nur noch das Nötigste. Aus A wird B. Aus B wird mit der Zeit C.
Für das Unternehmen wirkt es nach Stabilität. In Wahrheit ist es ein schleichender Substanzverlust. Potenzial verschwindet nicht plötzlich – es zieht sich zurück. Und was bleibt, ist ein funktionierendes, aber lebloses System.
Warum mittelmäßige Mitarbeiter bleiben
Mittelmäßige Mitarbeiter bleiben nicht, weil sie keine Alternativen hätten. Sie bleiben, weil das System sie schützt. Veränderung würde ihre Schwächen sichtbar machen. Entwicklung würde neue Anforderungen erzeugen. Stillstand ist für sie die sicherste Option.
Und genau deshalb werden sie zu den größten Verteidigern des Status quo. Nicht aus Bosheit, sondern aus Angst. Wenn A-Mitarbeiter Veränderung fordern, fühlen sich B- und C-Mitarbeiter bedroht. Sie verbünden sich unbewusst mit der Führung, um die bestehende Ordnung zu stabilisieren.
So entsteht Widerstand gegen Transformation – nicht aus Überzeugung, sondern aus Selbstschutz.
Die kulturelle Folge: Leistung lohnt sich nicht mehr
In solchen Systemen verändert sich die Kultur grundlegend. Leistung wird nicht mehr belohnt, sondern relativiert. Klarheit wird als Störung empfunden. Wahrheit als Unruhe. Was zählt, ist Harmonie – allerdings eine trügerische.
Unternehmen mit dieser Kultur wirken nach außen stabil, nach innen jedoch angespannt. Konflikte werden vermieden, nicht gelöst. Probleme werden verwaltet, nicht angegangen. Wachstum bleibt aus – nicht, weil es keine Ideen gäbe, sondern weil sie nicht zugelassen werden.
Die unbequeme Wahrheit für Führungskräfte
Die stille Selektion ist kein Zufall. Sie ist das Ergebnis unbewusster Führung. Nicht mangelnder Kompetenz, sondern mangelnder Selbstreflexion. Führungskräfte, die Kritik nicht integrieren können, erzeugen Systeme, die sich selbst schützen – auf Kosten ihrer Zukunft.
Das ist keine moralische Bewertung. Es ist eine psychologische Realität. Wer seine Identität an seine Meinung bindet, kann Entwicklung nur als Gefahr erleben. Und wer Entwicklung fürchtet, wird immer jene bevorzugen, die sie nicht einfordern.
Meine persönliche Erkenntnis
Diese Dynamik zu erkennen, hat meine Arbeit grundlegend verändert. Ich verstehe heute besser, warum so viele hochqualifizierte Menschen innerlich kündigen oder das Unternehmen verlassen – nicht aus Unzufriedenheit, sondern aus Klarheit. Sie gehen, weil sie spüren, dass ihr Potenzial hier nicht willkommen ist.
Gleichzeitig sehe ich Führungskräfte, die nicht verstehen, warum Wachstum ausbleibt, obwohl sie alles „richtig“ machen. Die Antwort liegt selten im Außen. Sie liegt im Inneren des Systems – und im Inneren der Führung.
Fazit: Gute Mitarbeiter gehen nicht einfach. Sie werden gegangen.
Die stille Selektion ist einer der größten, aber am wenigsten thematisierten Wachstumsbremsen in Unternehmen. Sie entscheidet darüber, ob Organisationen lebendig bleiben oder langsam erstarren.
Wer gute Mitarbeiter halten will, muss mehr zulassen als Zustimmung. Er muss Widerspruch aushalten. Kritik integrieren. Und vor allem bereit sein, sich selbst zu hinterfragen.
Denn am Ende gilt:
Unternehmen verlieren nicht ihre besten Mitarbeiter, weil diese zu anspruchsvoll sind.
Sie verlieren sie, weil sie nicht bereit sind, sich weiterzuentwickeln.

