
warum Führungskräfte keine Kritik annehmen
Kritikunfähigkeit ist kein Führungsfehler. Sie ist ein Wachstumsrisiko.
Warum Unternehmen nicht an falschen Entscheidungen scheitern – sondern an Führung, die sich selbst nicht mehr hinterfragt
Die meisten Führungskräfte halten sich für kritikfähig.
Sie sagen es offen. Sie erwarten es sogar von ihrem Umfeld.
Und dennoch scheitern viele Unternehmen genau daran.
Nicht an fehlendem Feedback.
Nicht an mangelnder Kommunikation.
Sondern daran, dass Kritik zwar gefordert – aber innerlich nicht zugelassen wird.
Kritikunfähigkeit ist kein persönlicher Makel.
Sie ist ein unternehmerisches Risiko.
Einleitung: Wenn Wachstum plötzlich nicht mehr möglich ist
Viele Unternehmen erreichen einen Punkt, an dem sie scheinbar alles richtig machen. Die Prozesse stehen, die Teams sind besetzt, das Produkt ist marktfähig, die Zahlen stimmen. Und trotzdem stockt das Wachstum. Entscheidungen werden schwerfälliger. Innovationen bleiben aus. Energie geht verloren.
In dieser Phase beginnt die Suche nach Ursachen meist im Außen: Markt, Wettbewerb, Fachkräftemangel, Zeitgeist. Doch die entscheidende Ursache liegt oft woanders – und sie ist unbequemer.
Sie liegt in der Führung selbst.
Genauer gesagt: in der fehlenden Fähigkeit, sich wirklich infrage stellen zu lassen.
Der Denkfehler: Kritik als Werkzeug statt als Spiegel
Viele Führungskräfte verstehen Kritik als Instrument. Als etwas, das man „einsetzt“, um andere zu entwickeln. Feedback wird gegeben, eingefordert, strukturiert. Doch was dabei häufig fehlt, ist die Bereitschaft, selbst Empfänger zu sein – nicht rational, sondern innerlich.
Kritik wird dann zwar angehört, aber nicht aufgenommen. Sie wird analysiert, relativiert, eingeordnet. Nicht um zu lernen, sondern um die eigene Position zu sichern.
Das Problem ist nicht mangelnde Intelligenz.
Es ist mangelnde innere Beweglichkeit.
Warum Kritik psychologisch bedrohlich wirkt
Um zu verstehen, warum Kritik so oft abgewehrt wird, müssen wir die psychologische Ebene betrachten. Führung ist für viele Menschen nicht nur eine Rolle – sie ist Identität. Erfolg, Erfahrung und Status verschmelzen mit dem Selbstbild.
Kritik stellt dann nicht nur eine Entscheidung infrage, sondern das eigene Narrativ: So bin ich erfolgreich geworden. So funktioniert Führung. So habe ich es immer gemacht.
Wird dieses Narrativ angegriffen, reagiert das Nervensystem nicht sachlich, sondern emotional. Verteidigung setzt ein. Nicht laut, nicht aggressiv – sondern subtil.
Die typischen Abwehrmechanismen
Diese Abwehr zeigt sich nicht als offener Widerstand. Sie zeigt sich in scheinbar rationalen Reaktionen:
Kritik wird relativiert.
Der Fokus wird verschoben.
Die Kompetenz des Gegenübers wird infrage gestellt.
Erfahrung wird als Schutzschild genutzt.
Sätze wie „Wir reden aneinander vorbei“ oder „Das ist zu theoretisch“ dienen nicht der Klärung, sondern der Stabilisierung. Nicht bewusst – aber wirksam.
So bleibt die eigene Sicht unangetastet, während die Kritik wirkungslos verpufft.
Wenn Überzeugungen zu Ideologien werden
An diesem Punkt entsteht ein entscheidender Übergang: aus Überzeugungen werden Ideologien. Eine Überzeugung ist flexibel. Sie kann sich verändern. Eine Ideologie nicht. Sie definiert, was richtig ist – und alles andere wird zur Abweichung.
Führungskräfte mit ideologisch verfestigtem Denken glauben nicht nur, dass ihre Sicht funktioniert. Sie glauben, dass sie funktionieren muss. Und dass andere sich daran orientieren sollten.
Kritik wird dann nicht mehr als Beitrag gesehen, sondern als Störung.
Die Auswirkungen auf das Unternehmen
Was zunächst wie ein persönliches Thema wirkt, entfaltet massive strukturelle Folgen. Denn Führung gibt den Rahmen vor, in dem Denken erlaubt ist.
Wenn Kritik nicht wirklich willkommen ist, lernen Teams schnell, sich anzupassen. Sie sagen weniger. Sie hinterfragen nicht. Sie liefern das, was erwartet wird – nicht das, was notwendig wäre.
Innovation stirbt nicht durch Widerstand, sondern durch Anpassung.
Wachstum stirbt nicht durch Fehler, sondern durch Selbstbestätigung.
Warum gute Mitarbeiter daran zerbrechen
Besonders betroffen sind leistungsstarke, reflektierte Mitarbeitende. Menschen, die Verantwortung übernehmen und über den Tellerrand hinausdenken. Sie merken früh, wenn ihre Klarheit nicht erwünscht ist.
Sie erleben, dass ihre Hinweise nichts verändern. Dass ihre Kritik nicht aufgenommen, sondern umgedeutet wird. Dass Loyalität mehr zählt als Wahrheit.
Viele ziehen sich zurück. Andere gehen. Und das Unternehmen verliert genau jene Menschen, die Wachstum möglich machen würden.
Kritikunfähigkeit als systemisches Risiko
An diesem Punkt wird klar: Kritikunfähigkeit ist kein individuelles Defizit. Sie ist ein systemisches Risiko. Sie verhindert Lernen. Sie verhindert Entwicklung. Sie verhindert Skalierung.
Ein Unternehmen kann nur so reif sein wie seine Führung. Und Führung kann nur so weit führen, wie sie bereit ist, sich selbst zu hinterfragen.
Ohne diese Bereitschaft entsteht ein geschlossenes System. Nach außen stabil. Nach innen starr.
Warum Führung selten dort hinschaut
Der schwierigste Teil an dieser Erkenntnis ist: Sie ist schwer zu akzeptieren. Denn sie fordert nicht neue Methoden, sondern innere Arbeit. Nicht mehr Kontrolle, sondern mehr Bewusstsein.
Viele Führungskräfte investieren lieber in Tools, Prozesse und Strategien – statt in Selbstreflexion. Nicht aus Ignoranz, sondern aus Unsicherheit. Denn echte Kritikfähigkeit bedeutet, den eigenen Status nicht mehr zu verteidigen.
Was echte Kritikfähigkeit wirklich bedeutet
Kritikfähigkeit heißt nicht, jede Meinung anzunehmen. Sie heißt auch nicht, Führung aufzugeben. Sie bedeutet, die eigene Identität von der eigenen Meinung zu lösen.
Sie bedeutet, Kritik nicht als Angriff auf das Selbst, sondern als Information über das System zu betrachten. Sie bedeutet, neugierig zu bleiben – auch dann, wenn es unbequem wird.
Das ist keine Technik.
Das ist Reife.
Meine persönliche Erkenntnis
Diese Einsicht hat meine Arbeit als Coach und Unternehmer grundlegend verändert. Ich arbeite nicht mehr an Kritikgesprächen – sondern an innerer Führung. Nicht an Feedbackmodellen – sondern an Bewusstsein.
Denn dort, wo Führung sich selbst nicht mehr hinterfragt, wird jedes System früher oder später an seine Grenze stoßen.
Fazit: Wachstum beginnt dort, wo Führung sich selbst riskiert
Unternehmen scheitern selten an falschen Entscheidungen. Sie scheitern daran, dass sie ihre Entscheidungen nicht mehr infrage stellen.
Kritikunfähigkeit ist kein Führungsfehler.
Sie ist ein Wachstumsrisiko.
Und echte Führung beginnt genau dort, wo man bereit ist, dieses Risiko zu erkennen – und Verantwortung dafür zu übernehmen.

